Felicitas Thun-Hohenstein

Die Darstellung verlangt Radikalisierung und kommt aus Nötigung
– Ingeborg Bachmann¹

Seit ihrer Gründung 1895 und somit als älteste Weltausstellung der bildenden Kunst steht die Biennale von Venedig Modell für alle zeitgenössischen Großausstellungen. Ihre Geschichte ist auch eine kulturpolitische Erzählung des europäischen 20. und globalen 21. Jahrhunderts. Vor allem ist sie eine Geschichte der Ausstellungen und ihrer spektakulären Provokationen im Sinne einer Kunst als Herausforderung. Ein Rückblick der bis heute präsentierten Künstler*innen im Österreichischen Pavillon, der von Josef Hoffmann und Robert Kramreiter erbaut und seit 1934 als österreichischer Länderpavillon bestimmt ist, macht die Vielfalt und Heterogenität der Ausdrucksweisen und Positionen der Kunst sichtbar.

2019 wird mit Renate Bertlmann erstmals in der Geschichte der österreichischen Biennale-Beiträge eine Künstlerin den Pavillon mit einer Einzelpräsentation bespielen. Damit setzen wir als Gesellschaft ein Zeichen, das der Kunst folgt und strukturelle Schieflagen mitdenkt.

Mit Renate Bertlmann wähle ich eine Künstlerin aus, deren inhaltlich wie ästhetisch kompromisslose Verfahrensweise im besten Sinne des Wortes eine venezianische Kunstgeschichte der Provokation fortführen wird.

Renate Bertlmann wird in Österreich seit Langem als herausragende feministische Künstlerin und Pionierin der Performancekunst geschätzt. Als Anerkennung für ihre wegweisende Arbeit erhielt sie 2017 den Großen Österreichischen Staatspreis. In den letzten Jahren fand ihre Arbeit auch auf internationaler Ebene beachtliche Anerkennung.
Ihre Arbeiten waren bei Großveranstaltungen wie der Gwangju Biennale ebenso vertreten wie in wegweisenden Ausstellungen wie The World Goes Pop, Tate Modern, London (2014), Self-Timer Stories, Austrian Cultural Forum New York (2014), Renate Bertlmann – Maria Lassnig, Sotheby’s Gallery, London (2017) und Sex Work: Feminist Art & Radical Politics, Richard Saltoun Gallery, Frieze Art Fair, London (2017).

Bertlmann kann auf ein komplexes OEuvre zurückgreifen, das sowohl in ästhetischer als auch in konzeptioneller Hinsicht untrennbar mit einer Ästhetik des Riskanten verbunden ist. Im Blick das transformatorische Potenzial von Differenz als Gegenstück zu Macht, oszilliert in ihren Arbeiten Performatives, Skulpturales, Zeichnerisches, Fotografisches,

Filmisches und Textuelles zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem, Entzogenem und Begehrtem, Alltäglichem und Ungewöhnlichem, Kunst und Leben. Renate Bertlmann zeichnet sich nicht nur durch ihre hohe formale und konzeptuelle Präzision aus. Der agitativ programmatische Charakter ihres Werkes unter dem künstlerischen Motto „amo ergo sum“ und ihr obsessiver Umgang mit Körperbildern richtet sich unmittelbar an eine gesellschaftspolitische Alltagskultur. Schon zu Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn verstand es Bertlmann, die institutionellen Bedingungen der Kunst und Kunstbegriffe zugleich kritisch wie lustvoll zu hinterfragen, indem sie das ironische Potenzial und den Eigensinn von Materialitäten als Ausgangspunkt ihrer feministisch-analytischen Reflexionen nutzte und die Mechanis men des Kunstsystems offenlegte. Umso beeindruckender ist, wie es ihr gelingt, diese Fragestellungen in einem synthetischen Akt performativer und tradierter Ausdrucksformen sinnlich und lustvoll zu verhandeln.

Für die Ausstellung im Österreichischen Pavillon wird Renate Bertlmann neben einer Werkauswahl eine neue, eigens für die Biennale entwickelte Arbeit präsentieren.


¹ SMS Renate Bertlmann an die Kuratorin am 21. März 2018, 20:20 Uhr, Zitat aus: Ingeborg Bachmann, Ein Ort für Zufälle, Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises, Darmstadt, 17.10.1964

Biographie

Felicitas Thun-Hohenstein ist Kuratorin, Kunsthistorikerin und Professorin am Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften an der Akademie der bildenden Künste in Wien.
Sie leitet etliche Forschungsprojekte wie etwa das Cathrin Pichler Archiv für Wissenschaft, Kunst und kuratorische Praxis. In ihrer Lehr-, Forschungs-, Vortrags- und Ausstellungstätigkeit widmet sie sich Themenschwerpunkten der Gegenwartskunst, Kunst der Moderne, arts-based research sowie der feministischen Theorie und Kunstpraxis, der Körper- und Raumproduktion. Sie ist Kuratoriumsmitglied des mumok – Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. Felicitas Thun-Hohenstein ist Autorin und Herausgeberin zahlreicher Texte und Publikationen.

Kuratierte Ausstellungen (Auswahl)

  • 2008 SynChroniCity, Österreichischer Beitrag auf der 11. Kairo Biennale
  • 2010 Hans Weigand, Deep Water Horizon an der University Art Gallery San Diego
  • 2012 Roberta Lima, Aesthetics of Risk, curated by_vienna 2012, Galerie Charim, Wien
  • 2014 Self-Timer Stories im Museum der Moderne Salzburg
  • Self-Timer Stories im Austrian Cultural Forum New York
  • Self-Timer Stories im MUSAC – Museo de Arte Contemporáneo de Castilla y León
  • 2016 Pro(s)thesis in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien, co-kuratiert von Berenice Pahl
  • Albert Mayr. Orchestrated View, Neuer Kunstverein Wien
  • Painting is not the Issue, Neuer Kunstverein Wien
  • Toni Schmale. Feuerbock, Neuer Kunstverein Wien
  • Elisabeth von Samsonow. Transplants, Zeitkunst Niederösterreich, Krems
  • Fyodor’s Performance Carousel, Wiener Festwochen, Wien
  • 2017 Material Traces in der Charim Galerie in Wien
  • Feminicities in der Solyanka State Gallery in Moskau
  • Yingmei Duan, Neuer Kunstverein, Wien


Publikationen (Auswahl)

  • Performanz und ihre räumlichen Bedingungen. Perspektiven einer Kunstgeschichte, Böhlau Verlag, 2012
  • Performing the Sentence. Research and Teaching in Performative Fine Arts (zusammen mit Carola Dertnig), Sternberg Press, Berlin 2014
  • Self-Timer Stories, Schlebrügge.Editor, Wien 2015
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